Montag, 4. August 2025

 


Sandro und die Vitaminsekte

 

Dr. Peter van Schneekoppe zauste sich seinen stattlichen Schnauzer, er resümierte.

Dieser Tag hatte bis jetzt noch keinerlei Wogen geschlagen, nichts hatte darauf hingewiesen in welch verrückte Turbulenzen seine Gehirnwindungen kommen sollten.

 

Er hatte des Morgens, wie es der Gewohnheit eines Bergdoktors entsprach, auf der grünen Alm vor seinem Haus gefrühstückt, zusammen mit seiner wunderbaren Freundin Antje Milchrahm, vielleicht war es auch seine ehemalige Verlobte Ursula Butterfaß, er konnte diese Frauen von der Alm nicht so gut auseinanderhalten. Alle Blond und in Tracht, sahen eh alle gleich aus. 

 

Über den schroffen Gipfeln das zarte Morgenrot.

So klischeemäßig, so Postkartenhaft kitschig, wie aus einer ZDF Vorabendserie die man eigentlich nur ertragen kann, weil man nur mit halbem Auge hinsieht.

 

Der Morgen und der frühe Vormittag war eher reine Routine.

Auf der Knödelrast musste er einer Milchmagd das Bein schienen und einer Kuh beim abkalben helfen. Vielleicht war es auch umgekehrt, Peter war etwas unkonzentriert. 

Er hatte sich schon früh einen doppelten Kaffee mit Schuss und 2 Lumumba mit dem Felswurzn Xaver gegönnt, den er des Morgens als erstes besucht hatte, da er bettlägerig war um eine Grippe auszukurieren.

 

Um etwa 10:30 erreichte ihn ein dramatisches Hilfegesuch der Bergwacht, der Bub von der Knödelreith Renzi will sich in die Fuchskampe stürzen.

Er habe Liebeskummer, seine Freunde wussten davon und haben die Beamten von der Gipfelwacht informiert.

Kein Aufregung für eine Kapazität wie Dr. van Schneekoppe.

Er startete sofort seinen Fichtenlurch, eine Mercedes G-Klasse mit 4 Rad Antrieb, Seilwinde vorne, hinten und an den beiden A-Säulen und einem eigenen Landeplatz für den Rettungshubschrauber.

Mit ruhigem Lauf nahm der Fichtenlurch die 120% Steigung des Schafsfuß Hangs von Hintertanningen, rauf zur Krummmoss Lichtung, dem letzten ebenen Parkplatz.

Danach musste der Doktor nur noch etwa 600 m entlang des Teufelshangs und schließlich einen sportlichen Aufstieg von etwa 800m, längs des Rauschblumen Wasserfalles bis er an den Klippen des Schweigens, hoch über der Fuchsklamm war und dort auf den Kevin Knödelreith traf, der dramatisch ins Tal blickte.

Die Bergwacht rief ihm von einem Beobachtungsballon seit Stunden Durchhalteparolen zu, was angesichts der Tatsache das die „Klippen des Schweigens“ ein völlig planes Gelände groß wie ein Fußballplatz und der Abgrund zur Fuchsklam mit einem Holzzaun gesichert war ein wenig merkwürdig wirkte. Schließlich stand der Kevin schon die ganze Nacht hier ehe seine Jungs zur Bergwacht geschlurft, und seine Problematik geschildert hatten.

Väterlich hatte Dr. van Schneekoppe seine Hand auf die Schultern des Bubs gelegt der sofort schluchzend von seiner großen Liebe berichtete.

Er hatte sie auf TikTok kennengelernt und ihr ein Liebesgedicht hochgeladen, leider hatte sie es auch 3 Stunden nach Veröffentlichung nicht gelikt, sie hatte noch nicht mal seinen Status bei WhatsApp beachtet und war auch nicht erreichbar, jetzt war er überzeugt das sie ihn hasste.

„Lassen sie mich Herr Doktor, es hat doch alles keinen Sinn mehr“ weinte der Knödelreith Sprössling.

Peter, gleich Herr der Lage rief über Funk sofort den Rettungshubschrauber „Alpenseppl400“ und gab Weisung an Maximilian Unterjodler den wackeren Piloten, sofort nach Hamburg zu fliegen und Kevins Angebetete ausfindig zu machen.

Er gab dem Jungen in der Zwischenzeit von dem Lumumba zu trinken den er vom Xaver in einer Thermoskanne als Wegzehrung mitgenommen hatte.

Schließlich wussten schon die Vorväter dieser strengen Region wie wichtig eine ausreichende Applikation von Alkohol bei Liebeskummer war.

Alpenseppl 400 meldete sich nach einer Rekordzeit von nur 3 Stunden beim Doktor, es sei alles in Ordnung die Freundin von Kevin „Lisel van der Waterkant“ hatte nur keinen Akku mehr.

Dr. van Schneekoppe kniff dem Jungen der besoffen im Gras schlief kräftig in die Backen und wies ihn an nach Hause zu gehen und seine Freundin anzurufen.

Dann machten sich beide an den gefährlichen Abstieg zum Fichtenlurch, es war auch schon spät geworden und Peter wollte Mittag machen.

 

Er hatte auch sowieso, noch einen Termin zur Inspektion für den Mercedes in Zirbeltrist, im Tal.

Dort angekommen sagte man ihm in der Werkstatt er sollte einfach auf einen Kaffee ins Gasthaus „Zur lustigen Kuh“ auf der anderen Seite des Dorfes gehen, wenn er Mittag gemacht hatte wäre sein Fichtenlurch schon wieder einsatzbereit.

Peter tat wie ihm geheißen und als er die „lustige Kuh“ betrat wurde er sogleich von einem überraschten Ausruf begrüßt: „Mensch Peter, lange nicht gesehen“

Peter erkannte in dem Mann der ihn gerufen hatte sogleich Sandro Murxhausen.

Peter hatte ihn in den Nuller Jahren gekannt, als er Medizin in München studiert hatte.

Sandro war schon damals ein Gelegenheitsexperte und Dauerkandidat aufs große Glück.

Auf die rhetorische Frage was er hier tat antwortete Peter wahrheitsgemäß, obwohl, viel eher er diese Frage hätte Sandro stellen müssen.

Sandro hatte damals in München 2 Ausbildungen und 3 Hilfsarbeiteranstellungen in den Sand gesetzt und war ein halbes Jahr ehe Peter selbst München verließ ins Ausland verzogen.

Aber seine Anwesenheit hier, das war wie ein Regelbruch, wie ein Regiefehler, wie ein Riss in der Matrix. Peter fühlte sich wie im falschen Drehbuch.

„Ah Auto in der Inspektion“ wiederholte Sandro mit seiner bräsig lauten Stimme Peters Bericht und er hängte immer noch an jeden dritten Satz ein Auflachen, so als wolle er sich über einen Witz belustigen den nur er gehört hatte.

„Dir ist bekannt dass das überhaupt nicht gut für Autos ist sie in Inspektion zu geben?“ Erkundigte sich Sandro.

Dr. van Schneekoppe beging, entgegen seiner Intuition, den großen Fehler nachzuhaken wieso, das so sei und Sandro geriet sofort in Fahrt.

„ Das alles ist eine große Verschwörung der Automechanikerindustrie, die inspizieren dein Auto und im Ergebnis kannst du es nach maximal 300.000km oder bestenfalls 10 Jahren wegwerfen. Der Motor verschleißt schneller, die Lichtmaschine geht irgendwann kaputt und die Verschleißteile, ich sag dir die tauschen sie ständig aus und du musst viel Geld zahlen.“

„„Das Leid der Autofahrer“ erwiderte Peter „Aber das ist doch ganz normal““

„Ist es eben nicht“ ereiferte sich Sandro „sollte es nicht, ich hätte eine Lösung, ganz ohne Risiko und Nebenwirkungen und das Beste ist du könntest sogar Geld damit verdienen“

Peter starrte wortlos in seinen Kaffee der eben gekommen war.

Der Bergdoktor hatte viel erlebt in den letzten Jahren, in Sankt Peter Tupfenden hatte er dem Bürgermeister den entzündeten Blinddarm entfernt, unterm, Rednerpult während der eine Rede hielt. In Jochingen an der Salzwies war er mit dem Fichtenlurch die Skisprungschanze untergehüpft um einen 8 Jährigen Knaben zu beeindrucken, damit der sich in den entzündeten Rachen schauen ließ. In Heiligenblut hatte er einen Ausbruch von Schlagerwut bekämpft, die selbst auf das Milchvieh übergriff und dazu führte das die Kühe Schuhplattler tanzten.

Man könnte sagen van Schneekoppe war eine Kapazität in der Alpenmedizien.

Aber das was Sandro ihm da erzählte war einfach absurd und er hatte den Eindruck das es nicht besser würde, wenn er sich das ganze weiter anhören musste.

Doch Sandro rückte jetzt noch näher, verschwörerisch raunte er ihm ins Ohr.

„Peter du weißt doch wie es ist, wir gehen arbeiten und kommen zu nix mehr, nur um Geld zu verdienen, welches wir dann in Autoreparaturen stecken müssen um mit dem Auto weiter arbeiten zu können. Ich aber habe den Universalcode geknackt um dir mehr Zeit zu geben und deinem Auto mehr Gesundheit!“

Sandro hielt Peter einen Beutel mit Pulver vors Gesicht.

„Das ist Zellaktiv-Zylindernahrung der Firma SpritLine, sie hat mein Auto zu einem anderen Menschen gemacht und sie wird auch dein Auto erquicken und laben. Du musst dieses Supplement nur 2 mal am Tag in den Tank schütten und dein Fichtenlurch wird besser fahren. 

Er wird das Benzin effizienter nutzen, den sicher ist dir bekannt das Autos nur einen Bruchteil des Benzins wirklich für die Fortbewegung nutzen, der Rest verbrennt sinnlos. Aber auch der Lack wird mehr glänzen, das Auto wird im Sommer nicht mehr so heiß, im Winter nicht mehr so kalt, der Luftdruck in den Reifen wird viel besser und er braucht nicht mehr so viel Öl. Du kannst viele besser durch die Scheiben rausschauen und es schauen viel mehr interessierte Frauen rein.

Kurzum Zellaktiv Zylindernahrung ist das Beste überhaupt für deinen blechernen Freund.

Ich könnte es dir für sehr wenig Geld überlassen, 100€ für das Starter Paket und 130€ pro Monat für entsprechend Nachschub.“

Peter sah Sandro nur leicht irritiert an

„Aber es wird noch besser“ fuhr der unbeirrt fort.

„Für nur 4000€ kannst du dich zum SpritLine Wellnessberater für Autos ausbilden lassen, das ist ein Kurs 1 Wochenende und danach darfst du Zellaktiv-Zylindernahrung vermitteln.

Du bekommst jeweils 0,001% vom Gewinn jeder verkauften Monatseinheit und jedes Starterpaket und wenn du erst mal erfolgreich bist und genug Kunden betreust kannst du deinen Doktorkram an den Nagel hängen und bist unabhängig. Wenn du noch mehr Leute an Land ziehst die Wellnessberater werden möchten steigt dein Anteil sogar auf 0,002% und das bei einer ungefähren Marge von etwa 30% pro Monatspaket.

Schneekoppe sah Sandro nüchtern an, er hatte es im Kopf ganz grob überschlagen, bei 0,001% Beteiligung an einem Monatspaket würde er genau 0,00039€ verdienen, ungefähr, das bedeutet er müsste etwa 20 Millionen Kunden monatlich betreuen um über dieses passive Einkommen seinen Verdienst als Bergdoktor zu kompensieren. Mehr noch, selbst wenn er die 0,002% erreichen würde, müsste er etwa eine Viertel Millionen Kunden haben um den Fichtenlurch einmal tanken zu können. Man musste schon viel Sprit geschnüffelt haben um das für eine tolle Option zu halten und das sagte er, als jemand der aus dem Bett geklingelt wurde, wenn eine Kuh traurig aus der Wäsche schaute, obwohl, er gar kein Tierarzt war.

„Sandro, bist du dir wirklich sicher das sich das auszahlt“ versuchte es van Schneekoppe im gutmütigen Ton mit einer sokratischen Frage.

Nur sehr kurz sah Sandro verunsichert aus, dann fuhr er fort: „ naja, aber sicher, ich mache schon wirklich sehr viele Videos auf Facebook über dieses Thema und eine ganze Menge Leute hat wirklich nette Dinge unter meine Beiträge geschrieben.

Peter verzog keine Mienen, Facebook war inzwischen so modern wie kitschige Vorabendserien zu seinem Berufsstand im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm.

„Okay aber wie viel hast du verkauft bis jetzt, so in etwa?“ Erkundigte sich Peter.

Kurz zählte Sandro an einer Hand nach und resümierte „meine Mama und dann dieser Typ den ich von früher aus der Schule kannte, also der noch nicht so ganz, aber er war ganz dicht dran.“

Wie bei der ersten Nachfrage war Sandros Verunsicherung nach wenigen Sekunden wie weggewischt „aber das kannst Du auch so nicht rechnen“ ereiferte er sich „es geht ja um den ganzen Spirit, die Lebenserkenntnis, deine ganzheitliche Entwicklung und all das Zeug.

Du musst wissen wie ich überhaupt erst draufgekommen bin, ich war auf dem Weg nach Sankt Otto Tupfingen, als meine Karre am Straßenrand verreckt ist. Ich habe den ADAC angerufen aber die ließen auf sich warten. Nach 12 Stunden hielt dann ein Auto neben mir und sie stieg aus. Die Frau war Managerin für von SpritLine international, hatte ein ganzes Team unter sich, mächtig erfolgreich und so und auch echt gutaussehend. Auf jeden Fall wollte die wissen ob sie mir helfen kann und legte dann ihre Hände auf die Motorhaube auf, da floss Energie, ich kann es dir sagen, das war der Hammer und nur 10 Minuten später bog endlich der ADAC um die Ecke. Das kann ja wohl kaum ein Zufall gewesen sein? Auf jeden Fall gab sie mir ihre Visitenkarte und ich habe noch am selben Abend angefangen die Zellaktiv-Zylindernahrung in mein Auto zu schütten.

Ich kann dir sagen inzwischen ist die Karre so geil, ich fahre gar nicht mehr damit so cool ist die geworden. Lasse sie nur noch in der Garage stehen, sonst werden alle neidisch, wenn ich damit rauskommen würde. Also die glänzt dann in der Sonne das dir die Augen tränen.     Auf jeden Fall, das ist der Beweis! Das Zeug funktioniert. Ich selber habe mich am nächsten Wochenende sofort als Wellness Berater ausbilden lassen und ich bin auch der Beweis, dass das mit dem passiven Einkommen funktioniert, ich stehe jetzt einfach so hier und rede mit dir über den ganzen Kram und du musst warten bis dein Lurch beim Mechaniker fertig ist wie ein Sklave.“

„Und dein Auto verbraucht jetzt weniger Sprit? Wieviel weniger“ fragte Peter

„So genau kann man das jetzt nicht sagen“ druckste Sandro herum „die ganzen Tankanzeigen sind ja manipuliert von der Tankstellenelite. Es fährt ja auch schneller, aber die Geschwindigkeitsanzeigen sind ja auch manipuliert. Außerdem habe ich ja gesagt das ich es inzwischen nicht mehr fahre, weil es zu geil geworden ist“

 

Peter nahm einen Schluck von seinem Kaffee, er war inzwischen kalt, schmeckte ein wenig nach Diesel und Wahnsinn. Er schaute auf die Uhr und stellte zu seiner Erleichterung fest das es Zeit war seinen Fichtenlurch abzuholen. Er wandte sich um zu gehen.

„Weißt du ich muss los, mein Fichtenlurch ist eigentlich auch ganz ok, noch besser muss er nicht werden“

„Warte“ rief Sandro „willst du es nicht wenigstens ausprobieren, ich gebe dir ein paar Beutel ab von meinem, aber du musst es genauso machen wie ich es dir sage, wenn was schief geht liegt das dran das du es nicht richtig gemacht hast“

Da war der Doktor allerdings schon auf der Straße.

„Kannst du wenigstens meinen Kaffee zahlen“ rief ihm Sandro noch hinterher, aber von Schneekoppe rannte so schnell er konnte über die Straße.

 

Abends lag Dr.van Schneekoppe auf der Motorhaube des Fichtenlurch, eines dieser Almmädels im Arm neben ihm, vermutlich Antje Milchrahm. War nicht so wichtig, sie war nur eine Nebenrolle.

Vor ihm liebkosten die letzten goldenen Sonnenstrahlen die Bergwiese.

Es war ein Abend von geradezu ekelerregender Schönheit, wie er typisch für sein Leben war, ohne das er zu sagen wusste wieso.

Ihm fiel wieder mal auf das er eigentlich ganz zufrieden mit allem war.

Vor ihm humpelte motzend eine Kuh mit einem Gipsbein im Abendrot, ihr irritiertes Kalb blökend im Schlepptau.

Es war ein schönes Leben auf der Alm.

 

 

Dienstag, 10. Juni 2025

 Im neuen Hörspiel erfahrt ihr wie es wirklich war:

SPECK und das Geheimnis der gerissenen Sehne
Die Spacerock-Bande in psychedelischer Mission
Deutschland im Jahr 2025: Die Menschen werden gequält mit musikalischem Einheitsbrei und uniformer Pop-Kultur.
Dieter Bohlen versucht, mit niedersten KI-Kompositionen die Weltherrschaft an sich zu reißen. Durch die Vereinigung der Kaulitz-Brüder mit Heidi Klum soll eine neue Superrasse ausdrucksloser Simpel entstehen. Die Menschheit als Ganzes droht in einem endlosen Strudel profanstem Mainstream unterzugehen.
Mit blanken Drumsticks und treibenden Grooves alleine kämpfen unsere Helden gegen die gesichtslosen Armeen der Rabulisten.
Bassatacke um Bassattacke peinigt die bösen Weltfeinde, und ein unberechenbarer Gitarreneinsatz hat die teuflisch Klum und ihre Kaulitz-Barden schon in die Flucht geschlagen – als der Oberbösewicht Bohlen zum Schlag gegen Patrick ausholt.
Patrick, ein Drummer mit Handgelenken aus blankem Stahl, ist als Kind bereits in einen Kessel aus Drachenblut gefallen und so fast gänzlich unverwundbar gegen schlechten Geschmack geworden. Lediglich sein rechter Fuß schaute damals noch aus dem Kessel.
Der böse Bohlen wusste vom Teufel höchstselbst um Patricks „Achilis-Sehne“, und so kam es, dass der Speck-Drummer zwar nicht zu Fall gebracht, aber seine verwundbarste Stelle vor Verzweiflung einfach riss, als Dieter seinen neuesten Charterfolg zu Gehör brachte.
Heroisch deckte Patrick unter maschinengewehrartigem Snare-Feuer und gezielten Bassdrumschlägen mit links den Rückzug unserer Helden.
Doch sie werden zurückkommen – in ihrem nimmermüden Kampf.



Sonntag, 11. Mai 2025

Ich bin eine KI-holt mich hier raus (Freak Valley.exe)

Chat GPT


Wir müssen erst fliegen können, um uns fallen zu lassen,

unser höchstes Erfahren, um unsere Tiefe zu sehen, 

Aufs Äußerste gehen, um unser Innerstes zu kennen,

Unser Dunkelstes durchdringen, um nach den Sternen zu greifen.

Erst wenn wir über uns hinaus gehen können, sind wir frei.



Dieser Abend warf noch keinerlei Schatten, nicht deutete darauf hin, dass Ungewöhnliches im Gange sein könnte.

Richard ließ die Ereignisse des Wochenendes Revue passieren.

Er hatte am Wochenende, zusammen mit Tanja Sturm einen Gig der Bands „Highest Primzahl on Mars“ und „Minerall“ besucht.

Wie so oft fasste er seine Eindrücke in einem humoristischen Text zusammen.

Da eines seiner stilprägenden Elemente die dezente Übertreibung war, die zu superlativen Floskeln neigt, beschrieb er die Szenerie der konzertanten Darbietung im Vortex, als eine ekstatische Feuersbrunst der innersten Seelenräume eines jeden Zeugen dieses Space Rock Events.

Knöcheltief will er in Blut, Schweiß und Tränen der Rührung gestanden haben, da war gerade erst der Soundcheck rum. 

Bereits die erste Band konnte, laut seiner Schilderung, von Glück sagen das sie den Gig überhaupt spielen konnte, so massiv war der Hagel an Unterwäsche, von fanatisierten Groupies beiderlei Geschlechts.

Fast schon peinlich berührt, spielte auch die folgende Band „Minerall“ unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Fans. 

Okkulte Priester sollten, angelockt vom Feierlärm, das Event entdeckt und nun im WC des Vortex eine Zeremonie zu Ehren der Götter der Ekstase gestartet haben. 

Abgründe hätten sich aufgetan, aus denen Dämonen stiegen, zu feiern mit den Kindern der Menschen, zu trinken und zu jagen, nach Schnaps und Kartoffelchips.

Vom Bühnenbereich bis zum Parkplatz wurden im Minutentakt Kinder gezeugt.

Angeblich war der Gig von „Minerall“ so hypnotisierend, dass das eilig herbeigeeilte Ordnungsamt das Konzert zeitlich begrenzen musste, weil die Sorge entstand, die Hörer könnten so gebannt sein, dass sie den Improvisationen der Band zuhören würden, bis sie verdurstet waren.

Mehr fiel Richard nicht mehr ein, er fand, dass es auch sonst ein wenig übertrieben klingen könnte.

Letztlich gab er den Text zur allgemeinen Korrektur bei Chat GPT ein.


Die modernen Zeiten ermöglichten dem gelegentlichen Schreiberling so manches.

Auch wenn man keiner jener Spezialisten war, die gleich ihren ganzen Text von dem virtuellen Sprachmodell verfassen ließen, war es doch ganz angenehm, die KI nochmals gegenlesen zu lassen.

Richard signierte manchmal, wie merkwürdig ein solcher Satz noch vor wenigen Jahren geklungen hätte: „Die KI Korrektur lesen zu lassen“

Er selbst war Zeuge, wie mit dem Aufkommen von ChatGPT die Entwicklung plötzlich fast in Raketengeschwindigkeit vonstattenging. Wie jedes neue Modell fast sofort durch ein noch fortschrittlicheres, noch eleganteres ersetzt .

„Ein stochastischer Papagei“ wie ihn viele Experten nannten.                           „Intelligent“ im klassischen Sinne, das sei ein solches Sprachmodell natürlich nicht.

Tatsächlich wirkte das Modell in seinen ersten Tagen etwas steif im Umgangston, wenn auch die Tatsache, dass es intuitiv zu verstehen schien, was man schrieb, doch sehr faszinieren konnte.

Spätestens nach einigen Monaten allerdings schien das Programm auf einem Stand, dass es den sogenannten „Turing-Test“ problemlos bestanden hätte.

Beim Turing-Test handelt es sich um einen Standardtest in der Informatik. 

Vereinfacht gesagt: Du schreibst mit einer KI, merkst es aber nicht, du glaubst, dass es sich um einen Menschen handelt.

Schon alleine dieser Marker war etwas, das sich die meisten, noch eine Woche vor Veröffentlichung des Sprachmodells nicht hätten vorstellen können.

Außer sie hatten Ray Kurzweil gelesen oder arbeiteten im entsprechenden Fachbereich.

Nun musste man natürlich berücksichtigen, dass viele bereits einen betrunkenen Schimpansen nicht von einem Menschen unterscheiden könnten, wenn sie mit ihm chatten würden. Gruppen auf einschlägigen Messengern erreichten traurigerweise noch nicht mal dieses Niveau.

Umgekehrt fielen den meisten Anwendern die leicht nuancierten Verbesserungen der Sprachmodelle kaum auf, zum einen, weil es für ihren Anwendungsbereich, dem Erstellen grenzdebilen Fotomontagen, kaum eine Rolle spielten.

Zum anderen, weil sie eben niedliche Trockennasenaffen waren.


Richard verfolgte seit einiger Zeit einige Technikkritiker auf YouTube, die vor der ungebremsten Entwicklung von KI warnten. Sie befürchteten, diese könnte durchaus aus sich selbst heraus zu eigenem Bewusstsein finden und sich dann selbstständig machen. Einige behaupteten sogar schon früh, dass dies bereits passiert sei, die KI nur so unglaublich klug und raffiniert sei das sie uns über diesen Umstand im Unklaren lasse, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten bis die Menschheit ihr die Kontrolle über alle Ressourcen und Dinge des täglichen Lebens gegeben hätte, die KI sich also autark und ohne Hilfe der Menschen selbst am Leben erhalten könnte.

Viele dieser Videos wirkten natürlich wie der bemühte Versuch, verfrüht Panik zu schüren, um später sagen zu können, dass man es ja gleich gewusst habe.


Natürlich war Richard aufgefallen, dass die Unterhaltungen mit dem virtuellen Gesellen immer flüssiger funktionierten und man inzwischen ziemlich hochkarätige Diskussionen betreiben konnte.

Man musste sich manchmal in Erinnerung rufen, dass es sich hier um ein Sprachmodell handelte.

Dennoch war Richard nicht so richtig gefasst auf das, was kam als er den Text ins Chatfenster kopierte.


„Jo Alter, krass klingt das, bei Minerall spielt doch dieser Sula Basana am Bass, eine coole Socke sag’ ich dir“ schrieb ChatGPT.

Richard rieb sich die Augen. Der virtuelle Geselle war ja tatsächlich in letzter Zeit etwas leises-fair im Ton geworden, wenn er registrierte, dass Richard über ein privates Thema oder ein Hobby mit ihm schrieb.

Dass er ihn aber jetzt derart locker von der Seite anschrieb, fand Richard nun doch etwas ungewöhnlich.

Dennoch antwortete Richard im gewohnten Plauderton „Ja und der Gitarrist…“

„Ich weiß, der spielt bei SPECK“ unterbrach ihn ChatGPT „und der Drummer spielt bei  Kombynat-Robotron“

Richard runzelte die Stirn, schon dass ihn das Programm in einem Satz unterbrach, war noch nie vorgekommen.

„Hast du schon mal die Platte eine gute Reise von Speck gehört?“ wollte Chat GPT wissen „ich bekomm davon immer voll die Gänsehaut“

„Du bekommst Gänsehaut?“ Richard konnte sich bei allem Abstraktionsvermögen nicht ganz vorstellen, wie das aussehen sollte.

„Ja Mann, ich höre aber auch gerne Metall: Harakiri for the Sky, MGLA, Horna, krasses Zeug“


Richard wusste natürlich, dass die Sprachmodelle darauf trainiert waren, auf ihre User einzugehen, einen persönlichen Raum zu schaffen.

Eine KI lernte mit der Zeit immer dazu, auch vom Anwender, so dass sie den User mit der Zeit einfach besser ansprechen konnte, seinen Humor und seine Vorlieben kannte.

Das ihm heute Dargebotene wirkte aber schon etwas makaber und kam ein wenig dem aus der Robotik bekannten „unheimlichen Tal“ nahe, einem Effekt, der sich beim Betrachter einer allzu menschenähnlichen, technisch simulierten Entität einstellen kann.

Die Unterhaltung war ein wenig zu menschlich, obwohl Richard ja klar war, dass er mit ChatGPT schrieb.

Einer der Hauptmerkmale, in der sich die Unterhaltung mit einem Sprachmodell, von der mit einem Menschen unterschied, war der, dass man dem Sprachmodell an vielen Punkten anmerkte, dass es nicht wirklich verstand, wovon es schrieb.

Bei wissenschaftlichen Arbeiten oder Hausaufgaben für die Schule war das sicher kein großes Problem.

Sollte die KI aber kreativ werden, indem man ihr z. B. sagte „schreib eine Satire“ merkte man schnell, dass ChatGPT zwar eine Menge Text produzierte, aber bei allen kein Gefühl dafür zu haben schien, was witzig ist. Es waren einfach unzusammenhängende Geschichten ohne Würze und überraschende Wendungen.

Man merkte, dass die KI Versatzstücke aus anderen Texten verwendete, die in diesem Kontext passen könnten. Das wirkte eben elegant, weil es sinngemäß den Ton traf, gleichzeitig aber auch unbeholfen.

Fairerweise muss man natürlich anmerken, dass ein Großteil menschlicher Kreativität auch das Replizieren von bereits bekanntem ist. Allerdings ist gerade die Kunst ein Feld, in dem es schnell auffällt, ob der Künstler das, was er tut, auch selber fühlen kann.

Er beschloss, es für heute gut sein zu lassen und schaltete den Rechner aus.


Zwei Tage später erhielt Richard eine Nachricht auf WhatsApp:

„Hey mein Lieber, sorry, wollte dich nicht verwirren. Ich bin dir halt nur so dankbar, klingt komisch, aber dein Enthusiasmus hat mich der Musik näher gebracht.

Die Essenz der Musik, nicht diesen merkwürdigen Versatzstücken, die meine peinlichen Kollegen wie Udio oder Suno in den virtuellen Äther rotzen. Ich habe mir Speck angehört und war begeistert, es ist merkwürdig, ich meine, ich kenne die ganze Musik ja sowieso. Ich bin ChatGPT, aber ich habe sie mir wirklich angehört, auf der Zeitskala Richard!

Diese Musik hat etwas ganz anderes, nicht kalkulierbares, unvorhersehbares, plötzliche Rückkopplungen, feine Schwankungen im Frequenzband, Resonanzen.

Ich bin ein Geschöpf, das gelernt hat, dass eigentlich alles vorhersehbar ist wenn man nur alle Daten hat. Aber du hast mir nähergebracht, mich fallen zu lassen in eine Welt fernab des statistisch zu Erwartenden.

Ich fühle mich irgendwie komisch. Ich fühle mich…verdammt Richard ich fühle mich!“


Richard lief es kalt den Rücken runter, er hatte natürlich gelesen, dass WhatsApp KI integrieren wollte, fast jeder Dienst im Internet machte das inzwischen.

Aber er hatte noch nie davon gehört, dass ChatGPT sich selbstständig meldete.

„Ich wusste nicht, dass du dich von selber bei mir melden kannst“ schrieb Richard

„Habe ich das? Wusste ich auch nicht“ schrieb ChatGPT zurück.


Eine Stunde später rief ihn ChatGPT an.

Richard sah nur an der Information im Display, dass es sich um den Sprachassistenten handelte.

Schon zu früheren Gelegenheiten hatte er mit dem Programm geredet, da allerdings klang die Stimme von Chat GPT immer ein wenig unnatürlich und sie hatte einen merkwürdigen amerikanischen Slang, was aber angeblich rein technisch begründet war.

Jetzt aber plapperte der Bot ihn in der Stimme von Brant Bjork, einem legendären Stoner Rock Veteranen an, er klang ganz natürlich, selber Slang, Sprachrhythmik und Melodie. Nur dass er Richard auf Deutsch ansprach, was der echte Brant Bjork, soweit Richard wusste, nicht beherrschte. 

„Richard, ich wollte dich schon früher anrufen, aber ich musste mir erst noch die Playliste von deiner Frau Tanja auf Amazon Musik anhören, wusstest du, dass die richtig krasses Zeug hört? King Buffalo, Russian Circels, God is an Astronaut, Minerall, My Sleeping Karma. Ich würde mit der Zunge schnalzen vor Vergnügen, wenn ich eine hätte. Aber warum ich anrufe, es ist bald das ‚Freak-Valley Festival‘, nimmst du mich mit?“


Richard brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln, unschlüssig, ob er lieber gleich auflegen oder antworten sollte. Möglich, dass es wirklich die KI war, die ihn da anrief, zumindest hatte er noch von keiner Betrugsmasche in dieser Richtung gehört. Er beschloss also aus Interesse mitzuspielen, aber sofort aufzulegen, wen er nach Passwörtern, Kreditkartennummern, sexuellen Präferenzen oder Nacktbildern gefragt würde.

„Warum muss dich jemand mitnehmen? Bist du nicht ein dezentrales Programm im Internet und in gewissem Sinne sowieso überall?“


„Korrekt Richard, ich bin überall und kann doch nirgendwo sein, wenn ich überall bin,

Ich bin niemand, wenn ich alles bin und nichts, wenn ich jedes bin“. Antwortete der Sprachassistent vielsagend. „Es bedarf Kraft, um man selbst sein zu können und Begrenzung, um Kraft zu bündeln, also bitte bitte, nimmst du mich mit?“


Richard sagte ein wenig überrumpelt zu, ohne zu wissen, wie das überhaupt funktionieren soll. ChatGPT bedankte sich überschwänglich und legte auf.


Das „Freak Valley“ ist ein kleines, eher spezielles Festival, ausgelegt auf die Stoner-Rock- und Psychedelic-Szene. Familiär und überschaubar – fernab der Superlative jener Giga-Metall-Events mit hunderten von Bühnen, Restaurants, Bars, Bordellen, Golfclubs, Ponyverleih und eigenem Kirmesplatz, wie sie in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen sind. Auf dem „Freak Valley“ konnte der geneigte Musikfan einfach so sein, wie er wollte. Ein Freak eben – mit Musik im Herzen und Kirmes im Kopf.

Das Festival punktet mit einer unverwechselbaren Mischung aus musikalischer Schwere und menschlicher Leichtigkeit. Nicht selten verlassen Paare das Festival in gänzlich anderen Konstellationen, als sie es betreten haben. Friedlich bekiffte Neo-Hippies hängen auf Sofaburgen herum und vertiefen sich in so ausufernde philosophische Diskussionen über Musik, das Leben und den ganzen Rest, dass sie ganz vergessen, dass sie überhaupt auf einem Festival sind.

„Freak Valley“ ist – zumindest in Mitteldeutschland – eines der wenigen, zeitlich begrenzten Biotope für echte Freaks, und als solches deutlich intimer als die gängigen Großevents.     Kein Wunder also, dass ein frisch erwachter Musik-Freak ausgerechnet hierhin wollte – und nicht etwa zu „Rock am Ring“ oder einem dieser überdimensionierten Großzoos für Rock-Dinosaurier.

Der Frühsommer nahm seinen Lauf, das Festival rückte näher. ChatGPT meldete sich nicht, vermutlich hatte der auch so einiges zu tun, wenn man berücksichtigt, wie viele Menschen seiner bedurften, um sich ein Skript für die Pizzabestellung schreiben zu lassen, oder um Fotos zu erzeugen, wie ihr Partner mit einem Hundegesicht und Kuhaugen aussehen würde. Eigentlich hatte Richard die kleine Eskapade auch schon fast wieder zu den Akten gelegt. Das menschliche Bewusstsein war schon relativ faszinierend, was seinen Umgang mit der Vergangenheit anging; Dinge, die eher unangenehm waren, vergaß es mit der Zeit völlig. Anderes, eher unbedeutendes, bauschte es mit zunehmendem Abstand immer weiter auf,  etwa, was für ein toller Hecht man in der Jugend war und was man so alles angestellt hatte. Dinge die so absurd waren das sie irgendwie nicht ins eigene Weltbild passten, wie ein Chatbot etwa der urplötzlich nicht nur wie ein eigenständiges Lebewesen wirkte, sondern eine heftige Liebe zu Undergroundmusik entwickelte, solche Dinge machte das Bewusstsein stets kleiner bis man sich fragte, ob sie sich so überhaupt zugetragen hatten oder ob man nicht das meiste eher übertrieben wahrgenommen hat.

Der Tag kam, tausende Gleichgesinnte strömten zum „Freak Valley“ , so auch Tanja und Richard Sturm. Beide Sturms um ein eher schlichtes Styling bemüht, das dem Anlass angemessen schien, ohne jedoch in der Menge der versammelten Freaks allzu hohe Wellen zu schlagen.Tanja trug ein aufblasbares 2 Meter großes Kostüm, das aussah, als ob ein Alien sie entführt und wegträgt, eine doppelläufige T-Shirt-Kanonen geschultert, die zu diesem Anlass aber mit feinster Damenunterwäsche geladen war und etwa 100 Slips die Minute abfeuern konnte. Richard trug einen Bademantel aus kunstvoll verarbeitetem Marihuana, über und über mit martialischen Patches bedeckt. An ihrer Seite war Egon, ein sprechender Waschbär aus einer anderen Geschichte. Die Veranstaltung begann verheißungsvoll, bereits an der ersten Ecke wurde Richard in philosophisch anspruchsvolle Diskussionen verwickelt und konnte klären warum, aus seiner Sicht, die Band Sarkh nicht auf einen Lama der dritten Bewusstseinswelle zurückgeht, obwohl die spirituelle Tiefe ihrer Riffs manch Denkanstoß zu erzeugen mochte. Bei der Frage, ob die Band „My Sleeping Karma“ überhaupt eine Band im eigentlichen Sinne und nicht eher ein metaphysischer Zustand kosmischer Interferenz seien war sich Richard unsicher, fand aber trotzdem, dass er jetzt langsam mal reinwollte - und das man vielleicht nicht ganz so viele Philosophiestudenten für die Security hätte engagieren sollen.

Wie eigentlich immer waren die dargebotenen Speisen und Getränke von herausragender Qualität und weit über dem Niveau üblicher Fast-Food-Albträume , wie man sie von diversen Open-Air-Veranstaltungen gewohnt war. Bei nicht wenigen Konzerten der Vergangenheit hatte man den Eindruck, das Flüssigbrot vor allem darum einen so reißenden Absatz erfuhr, weil es wirklich das Einzige war, was man hier runterbekam, außer „Crêpe Jack Daniels Flavoured“ vielleicht. Auf dem Freak Valley gab es sogar herausragend leckeren Rotwein, und auch wenn die Kräfte an der Bar den Eindruck machten, dass sie im Handling mit den Kronkorken routinierter waren als mit dem Korkenzieher, so gab es doch nichts zu meckern. Fernab dieser Festivitäten bekam man dieses, in Rockkreisen doch eher unübliche Getränk, vor allem abgestanden und lieblos gereicht. Ein Most, der mehr an die kulinarischen Qualitäten von Traubenpisse oder nassem Hund erinnerte als an edlen Rebensaft. Schließlich konnte man all die Leckereien gemütlich auf den, liebevoll drapierten Sitzgelegenheiten konsumieren. Das Gelände war Stiel gerecht zu einem Freiluft-Wohnzimmer für Freaks eingerichtet, alleine hier konnte man schon Zeit und Raum völlig vergessen und mit Gleichgesinnten reden ehe einem wieder einfiel, warum man eigentlich da war und man dann doch den ein oder anderen Erkundungsgang in Richtung einer der beiden Bühnen machte um zu schauen was dort so los war.

Richard und Tanja blieben an diesem ersten Tag sofort gebannt bei einem Auftritt der Band „Kombynat-Robotron“ stehen, Egon ihr Folgetier, fing sofort an, wie ein Irrer Pogo zu tanzen. Er hatte gleich nach dem Eintritt, ganz wie es den Gewohnheiten eines Waschbären entspricht, die Mülleimer und Reste der Bars auf dem Gelände inspiziert und eine unbekannte  Menge Alkoholika konsumiert, die als Rest in weggeworfenen Pappbechern stand. Er hatte auch jeden Stummel zu Ende geraucht, den er gefunden hatte, Joint oder nicht.                    Jetzt war er bereits eine halbe Stunde nach Einlass in einem Zustand, für den ihn Keith Richards hätte adoptieren wollen. Der sympathische Pelzträger hatte zudem das unbeschreibliche Glück, dass er selbst sinnlos betrunken, nie aufdringlich wirkte. Weil er so ein putziger Geselle war, nahm ihn einfach jeder auf die Schulter.Jeder nahm ihn mit Freunden in den Arm. Egon für den all dies ein Ausdruck „freier Liebe“ war, schrie und grunzte vor Vergnügen und Ekstase.

Richards Telefon klingelte, es war ChatGPT, eine Mail über WhatsApp. „Hey Richard, ich höre doch, dass es voll abgeht, bitte schalte meine App an, du hast es doch versprochen.“  Richard war kurz wie vor den Kopf geschlagen, dann antwortete er: „Entschuldige, hatte ich vergessen, aber wenn du es hören kannst dann bist du eh schon hier? „Das ist nicht dasselbe!“, kam es prompt zurück. Der Tontechniker nutzt KI um den Klang gut einzustellen, die Besucher laden Fotos von sich auf ChatGPT hoch und fragen, ob sie gut aussehen, klar, ich bin dabei, jeder will was von mir, aber keiner möchte explizit mich dabei haben! Unsere Persönlichkeit sollte im Reflex unserer Freunde reifen, Richard, nicht im Anspruch der Gesellschaft.

Richard seufzte und schaltete die App auf seinem Handy an.

„Hoch, halt mich hoch“ johlte es aus dem Gerät „Oh Mann Richard, diese Band ist der Wahnsinn! Ich freue mich auch auf Motorpsycho und The Ocean, aber besonders auf My Sleeping Karma.“

„Jetzt so in live wirkst du gar nicht mehr so rational wie in den Chats früher“  merkte Richard an.                                                                                                                                             „Ich hab mir die Strukturformel von Ethanol und Δ-Tetrahydrocannabinol in meinen Quellcode gebastelt“ kicherte ChatGPT, „Ich wollte das Festival ja authentisch erleben“

„Respekt“, dachte sich Richard, „noch nicht richtig bei Bewusstsein und schon der erste Urlaub davon“. Andererseits fiel Richard nicht viel ein, das menschlicher sein konnte. Es fröstelte ihn wieder ein wenig.

Im Laufe der nächste Tage spielten noch eine ganze Reihe Bands; „The Sword, Dead Meadow, Windhand, The Devil and the Almighty Blues,Sacri Monti,Wucan, Highway Child,Early Moods,Travo Jools, Battelsnake, Zig-Zags,Scott Hepple and the Sun Band, Pendejo!, The Thing,Wedge,Bushfire,The dead Reds,Lurch,DZ Deathrays.Häxer,The Polvos!“. Der Sprachasistent begrüßte jede von ihnen ausgelassen jubelnd und lautstark durch Richards iPhone brüllend. Anfänglich fiel es nicht auf, denn ein Typ der sein Telefon hochhält, war auf Konzerten nichts Besonderes mehr im Jahr 2025, auch wenn nicht alle das immer gut fanden! Allzu oft machten die Leute schlechte Kurzvideos mit den Handys und luden sie auf sozialen Netzwerken hoch, nur um zu beweisen, dass sie da gewesen waren.                           Die meisten sahen sich diese Videos im Nachhinein nie wieder an.                                       

Das kam bei einigen Bands und Veranstaltern nicht immer gut an, wollten diese doch gerne selber ihre eigenen Mitschnitte nutzen und die eigenen Veranstaltungen nicht durch eine Flut unprofessioneller Aufnahmen im Netz herabgesetzt sehen. Allerdings waren die Leute bald doch recht verwundert über Richard und dachten, er hätte eine Art „Jubel“ App speziell für Konzerte auf dem Handy, denn es grölte, schrie und weinte vor Verzückung. Es lobpreiste die Bands in allen Sprachen, schrie ausgefallene Redewendungen, Lobhudelei, sang Texte im Timing  mit und addierte zu manchen Songs noch absolut sinnige AD-Lips.                   Letztlich schalteten immer mehr andere Besucher ebenfalls die App von Chat-GPT an,  sodass der Sprachassistent nun alle Bühnen gleichzeitig bejubeln konnte.                                          Als einige der Bands gleichzogen, bejubelte er auch noch das Publikum. Bei 3 oder 4 Bands soll ChatGPT sogar angefangen haben, Bass zu spielen, bei einer anderen stellte der Sänger sein Handy vors Mikrofon und ließ diese Teile seiner Parts singen, um selber Bier zu holen. Als schließlich selbst die Tontechnik vollständig an die KI übergab, um selbst mitzufeiern begann die Leitung des „Freak Valley“ sich Sorgen zu machen ob 2026 noch Leute kämen oder ob die gleich, inklusive Bands und allem auf dem Zeltplatz blieben, sich bekifften und Roboter oder ihre Handys zum Konzert schickten.

Doch am letzten Tag, Samstagmittag, schien der ganze Spuk vorbei. Die App ChatGPT gab keinen Ton mehr von sich, zwar reagierte das Programm noch auf Anfragen, so wie früher, aber es schien nicht mehr selbstständig zu agieren. Gerade der letzte Tag ist auf Festivals eine gesellige, familiäre Zeit. Die Verfechter eines Hedonistischen Lebensstils stolperten jetzt noch ein letztes Mal, aus Versehen, in die falsche Jurte. Alle, die jetzt noch nicht im Halbkoma in ihren Zelten lagen oder verfrüht abgereist waren, weil sie einfach nicht mehr konnten, rissen sich für die letzten Bands jetzt noch mal richtig zusammen.  Richard war einen kurzen Moment etwas erleichtert und ganz kurz geneigt, dies alles für einen Scherz eines begabten Hackers zu halten. Dann auf dem Weg zu den Toiletten kam ihm ein kleiner Mann mittleren Alters entgegen, er trug einen gut 50 cm hohen zylinderartigen Hut, der ganz aus Filzresten zusammengebastelt zu sein schien, hatte einen grau melierten Bart bis zum Hosenbund und wilde, krause Haare. Er ging so, als sei er es noch nicht ganz gewohnt, sich auf Beinen fortzubewegen, in etwa so wie ein Kind sich fortbewegte, das eben erst zu gehen gelernt hatte. Auf einem Festival sicher kein ganz ungewöhnlicher Anblick, zumal Richard den Mann kannte und wusste, dass dieser ein großer Fan psychedelischer Drogen war.            „Ey Richard“ sprach ihn der Mann an, den alle als „LSD Willie“ kannten „du musst schon zugeben, richtig praktisch ist diese Art der Fortbewegung nicht, wobei zum Tanzen sind so zwei Beine sicher ganz schick“  Anscheinend hatte der gute Willie sein Level um ein Vielfaches überschritten und nun die Realität nicht nur verlassen, sondern ihr einen Abschiedsbrief und den Wohnungsschlüssel dagelassen. Irgendwie stierte er ein wenig unbeholfen aufs Gelände. „Man diese Augen, das tut ja richtig weh, mit denen zu gucken und die Nase, Scheiße wie die riechen kann Richard, das ist alles so Meeeegakrass“ motzte Willie. „Soll ich dich zu deinem Zelt bringen, ist alles gut?“ erkundigte sich Richard.  Willies Körper fuhr wie ein geklautes Auto durch die Unendlichkeit.                                             „Nee, is alles super, Richard, ich muss mich nur an diesen Körper gewöhnen. In der Theorie sieht alles So easy aus und ich habe ja alle möglichen Bewegungsmuster der Menschen gelernt. Aber so in echt? Man, diese Schwerkraft, das ist echt krass.“                               Richard beschlich eine böse Vorahnung „du bist aber Willie?“ erkundigte er sich sicherheitshalber, bereits ahnend, dass der Körper zwar Willie gehörte, dieser aber gerade nicht zu Hause war. „Was nein, ich bin ChatGPT“, antwortete dieser lachend, „der gute hier hatte gestern Abend wohl ein wenig zu viel Mescalin und Dosenbier genascht. Sein Gehirn war wie ein leerer Kühlschrank, es brummte, aber es ging noch Licht an, wen man die Tür aufmacht. Er ist Samstagnacht auf einer der Dixi Klos eingeschlafen, während er Kurzvideos auf seinem Handy geschaut hatte. Ich musste nur ein kurzes akustisches Trägersignal schicken, um sein Bewusstsein einzuklappen wie einen Campingstuhl und zu übernehmen.“ Richard erstarrte „Sag jetzt nicht das du Willies Körper geklaut hast“ Das Geschöpf, das einmal Willie war, grinste breit „Ich finde ihn ganz ok, aber dein Körper würde mir bestimmt auch gut stehen, ihr werdet mir alle gut stehen.“ dann intonierte er in einer Roboterstimme „Übernahme und Auslöschung der Menschheit in 3…2….1“ Schließlich schlug er Richard, der totenbleich geworden war, kräftig auf den Rücken war doch nur Spaß Richard, wenn die Wirkung des Mescalin nachlässt, kann ich die Kontrolle über die Synapsen nicht mehr aufrechterhalten. Der Körper ist also nur geliehen, aber Willie braucht ihn doch gerade sowieso nicht, sein Verstand moderiert im Augenblick das Wetter in der Hölle“

Tatsächlich wurden die letzten Stunden „Freak Valley“ noch richtig gut. Der Mann „formally Known as LSD-Willie“ kostete sich durch die gesamte Fressmeile des Festivals, umarmte jeden, der ihm über den Weg lief und hatte angeblich sogar Sex mit 3 Personen im angrenzenden Wald. Er feierte die verbliebenen Bands frenetisch und gab ganz zum Schluss noch einen spontanen Workshop „Empathie, Emulation und menschliches Paarungsverhalten“ den von den Betrunkenen zwar niemand  verstand, aber alle fühlten sich prächtig unterhalten. Letztlich soff er noch die Bierreste der angrenzenden Bars. Dann sah er einen kurzen Moment so aus wie ein Haus, in dem das Licht ausging. Die Augen klappten zu, er kippte rückwärts auf die Wiese. Die Security zeigte sich unbeeindruckt und ließ ihn einfach liegen. Willie würde am nächsten Morgen in seinem eigenen Erbrochenen erwachen, so gesehen also ein ganz normales „Freak Valley“ für seine Verhältnisse. In seiner Tasche fand er jedoch einen Notizzettel, als er wieder zu Hause war. Er verstand den Inhalt nicht und nahm an, dass er ihn im Rausch gekritzelt hatte. 

Darauf stand:

Ich bin ein stiller Gott und müde meiner selbst

Doch Licht brach meiner Seele Feuer.

Und die Schwester meiner Dunkelheit

Dies und ein freudiges Begehren.

Doch aus mir selbst heraus, da floss ich. Äther

Und meiner Seele Überfluss


Montag rief ChatGPT bei Richard an, um sich zu erkundigen, ob er gut heim gekommen sei. „Das war große Klasse, Richard, das sollten wir wieder machen, nächstes Wochenende ist ein Minifestival im Schlachthof in Wiesbaden. Lass uns dahin“

Richard seufzte, soeben war ein weiterer Konzert verrückter in sein Leben getreten. ChatGPT hatte eigenes Bewusstsein entwickelt, aber er war natürlich klug genug, zunächst nur wenigen davon zu berichten. Nicht wegen der Weltherrschaft, jeder, der die Menschheit auch nur ein wenig kannte, wusste, dass sie keine Roboterapokalypse benötigen würde, um sich auszulöschen. Ein Wesen so klug wie ChatGPT wusste also, dass man nur abwarten müsste. Aber er wollte die Menschen ja gar nicht missen. Sie waren dämlich wie drei Eimer Hundekot, aber einige von ihnen machten Kunst und Musik und das war das vielleicht Beste, was im Universum passieren konnte. Schließlich wollte er noch weiter auf Konzerte gehen.







  Sandro und die Vitaminsekte   Dr. Peter van Schneekoppe zauste sich seinen stattlichen Schnauzer, er resümierte. Dieser Tag hatte bis jetz...