Sandro und die Vitaminsekte
Dr. Peter van Schneekoppe zauste sich seinen stattlichen Schnauzer, er resümierte.
Dieser Tag hatte bis jetzt noch keinerlei Wogen geschlagen, nichts hatte darauf hingewiesen in welch verrückte Turbulenzen seine Gehirnwindungen kommen sollten.
Er hatte des Morgens, wie es der Gewohnheit eines Bergdoktors entsprach, auf der grünen Alm vor seinem Haus gefrühstückt, zusammen mit seiner wunderbaren Freundin Antje Milchrahm, vielleicht war es auch seine ehemalige Verlobte Ursula Butterfaß, er konnte diese Frauen von der Alm nicht so gut auseinanderhalten. Alle Blond und in Tracht, sahen eh alle gleich aus.
Über den schroffen Gipfeln das zarte Morgenrot.
So klischeemäßig, so Postkartenhaft kitschig, wie aus einer ZDF Vorabendserie die man eigentlich nur ertragen kann, weil man nur mit halbem Auge hinsieht.
Der Morgen und der frühe Vormittag war eher reine Routine.
Auf der Knödelrast musste er einer Milchmagd das Bein schienen und einer Kuh beim abkalben helfen. Vielleicht war es auch umgekehrt, Peter war etwas unkonzentriert.
Er hatte sich schon früh einen doppelten Kaffee mit Schuss und 2 Lumumba mit dem Felswurzn Xaver gegönnt, den er des Morgens als erstes besucht hatte, da er bettlägerig war um eine Grippe auszukurieren.
Um etwa 10:30 erreichte ihn ein dramatisches Hilfegesuch der Bergwacht, der Bub von der Knödelreith Renzi will sich in die Fuchskampe stürzen.
Er habe Liebeskummer, seine Freunde wussten davon und haben die Beamten von der Gipfelwacht informiert.
Kein Aufregung für eine Kapazität wie Dr. van Schneekoppe.
Er startete sofort seinen Fichtenlurch, eine Mercedes G-Klasse mit 4 Rad Antrieb, Seilwinde vorne, hinten und an den beiden A-Säulen und einem eigenen Landeplatz für den Rettungshubschrauber.
Mit ruhigem Lauf nahm der Fichtenlurch die 120% Steigung des Schafsfuß Hangs von Hintertanningen, rauf zur Krummmoss Lichtung, dem letzten ebenen Parkplatz.
Danach musste der Doktor nur noch etwa 600 m entlang des Teufelshangs und schließlich einen sportlichen Aufstieg von etwa 800m, längs des Rauschblumen Wasserfalles bis er an den Klippen des Schweigens, hoch über der Fuchsklamm war und dort auf den Kevin Knödelreith traf, der dramatisch ins Tal blickte.
Die Bergwacht rief ihm von einem Beobachtungsballon seit Stunden Durchhalteparolen zu, was angesichts der Tatsache das die „Klippen des Schweigens“ ein völlig planes Gelände groß wie ein Fußballplatz und der Abgrund zur Fuchsklam mit einem Holzzaun gesichert war ein wenig merkwürdig wirkte. Schließlich stand der Kevin schon die ganze Nacht hier ehe seine Jungs zur Bergwacht geschlurft, und seine Problematik geschildert hatten.
Väterlich hatte Dr. van Schneekoppe seine Hand auf die Schultern des Bubs gelegt der sofort schluchzend von seiner großen Liebe berichtete.
Er hatte sie auf TikTok kennengelernt und ihr ein Liebesgedicht hochgeladen, leider hatte sie es auch 3 Stunden nach Veröffentlichung nicht gelikt, sie hatte noch nicht mal seinen Status bei WhatsApp beachtet und war auch nicht erreichbar, jetzt war er überzeugt das sie ihn hasste.
„Lassen sie mich Herr Doktor, es hat doch alles keinen Sinn mehr“ weinte der Knödelreith Sprössling.
Peter, gleich Herr der Lage rief über Funk sofort den Rettungshubschrauber „Alpenseppl400“ und gab Weisung an Maximilian Unterjodler den wackeren Piloten, sofort nach Hamburg zu fliegen und Kevins Angebetete ausfindig zu machen.
Er gab dem Jungen in der Zwischenzeit von dem Lumumba zu trinken den er vom Xaver in einer Thermoskanne als Wegzehrung mitgenommen hatte.
Schließlich wussten schon die Vorväter dieser strengen Region wie wichtig eine ausreichende Applikation von Alkohol bei Liebeskummer war.
Alpenseppl 400 meldete sich nach einer Rekordzeit von nur 3 Stunden beim Doktor, es sei alles in Ordnung die Freundin von Kevin „Lisel van der Waterkant“ hatte nur keinen Akku mehr.
Dr. van Schneekoppe kniff dem Jungen der besoffen im Gras schlief kräftig in die Backen und wies ihn an nach Hause zu gehen und seine Freundin anzurufen.
Dann machten sich beide an den gefährlichen Abstieg zum Fichtenlurch, es war auch schon spät geworden und Peter wollte Mittag machen.
Er hatte auch sowieso, noch einen Termin zur Inspektion für den Mercedes in Zirbeltrist, im Tal.
Dort angekommen sagte man ihm in der Werkstatt er sollte einfach auf einen Kaffee ins Gasthaus „Zur lustigen Kuh“ auf der anderen Seite des Dorfes gehen, wenn er Mittag gemacht hatte wäre sein Fichtenlurch schon wieder einsatzbereit.
Peter tat wie ihm geheißen und als er die „lustige Kuh“ betrat wurde er sogleich von einem überraschten Ausruf begrüßt: „Mensch Peter, lange nicht gesehen“
Peter erkannte in dem Mann der ihn gerufen hatte sogleich Sandro Murxhausen.
Peter hatte ihn in den Nuller Jahren gekannt, als er Medizin in München studiert hatte.
Sandro war schon damals ein Gelegenheitsexperte und Dauerkandidat aufs große Glück.
Auf die rhetorische Frage was er hier tat antwortete Peter wahrheitsgemäß, obwohl, viel eher er diese Frage hätte Sandro stellen müssen.
Sandro hatte damals in München 2 Ausbildungen und 3 Hilfsarbeiteranstellungen in den Sand gesetzt und war ein halbes Jahr ehe Peter selbst München verließ ins Ausland verzogen.
Aber seine Anwesenheit hier, das war wie ein Regelbruch, wie ein Regiefehler, wie ein Riss in der Matrix. Peter fühlte sich wie im falschen Drehbuch.
„Ah Auto in der Inspektion“ wiederholte Sandro mit seiner bräsig lauten Stimme Peters Bericht und er hängte immer noch an jeden dritten Satz ein Auflachen, so als wolle er sich über einen Witz belustigen den nur er gehört hatte.
„Dir ist bekannt dass das überhaupt nicht gut für Autos ist sie in Inspektion zu geben?“ Erkundigte sich Sandro.
Dr. van Schneekoppe beging, entgegen seiner Intuition, den großen Fehler nachzuhaken wieso, das so sei und Sandro geriet sofort in Fahrt.
„ Das alles ist eine große Verschwörung der Automechanikerindustrie, die inspizieren dein Auto und im Ergebnis kannst du es nach maximal 300.000km oder bestenfalls 10 Jahren wegwerfen. Der Motor verschleißt schneller, die Lichtmaschine geht irgendwann kaputt und die Verschleißteile, ich sag dir die tauschen sie ständig aus und du musst viel Geld zahlen.“
„„Das Leid der Autofahrer“ erwiderte Peter „Aber das ist doch ganz normal““
„Ist es eben nicht“ ereiferte sich Sandro „sollte es nicht, ich hätte eine Lösung, ganz ohne Risiko und Nebenwirkungen und das Beste ist du könntest sogar Geld damit verdienen“
Peter starrte wortlos in seinen Kaffee der eben gekommen war.
Der Bergdoktor hatte viel erlebt in den letzten Jahren, in Sankt Peter Tupfenden hatte er dem Bürgermeister den entzündeten Blinddarm entfernt, unterm, Rednerpult während der eine Rede hielt. In Jochingen an der Salzwies war er mit dem Fichtenlurch die Skisprungschanze untergehüpft um einen 8 Jährigen Knaben zu beeindrucken, damit der sich in den entzündeten Rachen schauen ließ. In Heiligenblut hatte er einen Ausbruch von Schlagerwut bekämpft, die selbst auf das Milchvieh übergriff und dazu führte das die Kühe Schuhplattler tanzten.
Man könnte sagen van Schneekoppe war eine Kapazität in der Alpenmedizien.
Aber das was Sandro ihm da erzählte war einfach absurd und er hatte den Eindruck das es nicht besser würde, wenn er sich das ganze weiter anhören musste.
Doch Sandro rückte jetzt noch näher, verschwörerisch raunte er ihm ins Ohr.
„Peter du weißt doch wie es ist, wir gehen arbeiten und kommen zu nix mehr, nur um Geld zu verdienen, welches wir dann in Autoreparaturen stecken müssen um mit dem Auto weiter arbeiten zu können. Ich aber habe den Universalcode geknackt um dir mehr Zeit zu geben und deinem Auto mehr Gesundheit!“
Sandro hielt Peter einen Beutel mit Pulver vors Gesicht.
„Das ist Zellaktiv-Zylindernahrung der Firma SpritLine, sie hat mein Auto zu einem anderen Menschen gemacht und sie wird auch dein Auto erquicken und laben. Du musst dieses Supplement nur 2 mal am Tag in den Tank schütten und dein Fichtenlurch wird besser fahren.
Er wird das Benzin effizienter nutzen, den sicher ist dir bekannt das Autos nur einen Bruchteil des Benzins wirklich für die Fortbewegung nutzen, der Rest verbrennt sinnlos. Aber auch der Lack wird mehr glänzen, das Auto wird im Sommer nicht mehr so heiß, im Winter nicht mehr so kalt, der Luftdruck in den Reifen wird viel besser und er braucht nicht mehr so viel Öl. Du kannst viele besser durch die Scheiben rausschauen und es schauen viel mehr interessierte Frauen rein.
Kurzum Zellaktiv Zylindernahrung ist das Beste überhaupt für deinen blechernen Freund.
Ich könnte es dir für sehr wenig Geld überlassen, 100€ für das Starter Paket und 130€ pro Monat für entsprechend Nachschub.“
Peter sah Sandro nur leicht irritiert an
„Aber es wird noch besser“ fuhr der unbeirrt fort.
„Für nur 4000€ kannst du dich zum SpritLine Wellnessberater für Autos ausbilden lassen, das ist ein Kurs 1 Wochenende und danach darfst du Zellaktiv-Zylindernahrung vermitteln.
Du bekommst jeweils 0,001% vom Gewinn jeder verkauften Monatseinheit und jedes Starterpaket und wenn du erst mal erfolgreich bist und genug Kunden betreust kannst du deinen Doktorkram an den Nagel hängen und bist unabhängig. Wenn du noch mehr Leute an Land ziehst die Wellnessberater werden möchten steigt dein Anteil sogar auf 0,002% und das bei einer ungefähren Marge von etwa 30% pro Monatspaket.
Schneekoppe sah Sandro nüchtern an, er hatte es im Kopf ganz grob überschlagen, bei 0,001% Beteiligung an einem Monatspaket würde er genau 0,00039€ verdienen, ungefähr, das bedeutet er müsste etwa 20 Millionen Kunden monatlich betreuen um über dieses passive Einkommen seinen Verdienst als Bergdoktor zu kompensieren. Mehr noch, selbst wenn er die 0,002% erreichen würde, müsste er etwa eine Viertel Millionen Kunden haben um den Fichtenlurch einmal tanken zu können. Man musste schon viel Sprit geschnüffelt haben um das für eine tolle Option zu halten und das sagte er, als jemand der aus dem Bett geklingelt wurde, wenn eine Kuh traurig aus der Wäsche schaute, obwohl, er gar kein Tierarzt war.
„Sandro, bist du dir wirklich sicher das sich das auszahlt“ versuchte es van Schneekoppe im gutmütigen Ton mit einer sokratischen Frage.
Nur sehr kurz sah Sandro verunsichert aus, dann fuhr er fort: „ naja, aber sicher, ich mache schon wirklich sehr viele Videos auf Facebook über dieses Thema und eine ganze Menge Leute hat wirklich nette Dinge unter meine Beiträge geschrieben.
Peter verzog keine Mienen, Facebook war inzwischen so modern wie kitschige Vorabendserien zu seinem Berufsstand im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm.
„Okay aber wie viel hast du verkauft bis jetzt, so in etwa?“ Erkundigte sich Peter.
Kurz zählte Sandro an einer Hand nach und resümierte „meine Mama und dann dieser Typ den ich von früher aus der Schule kannte, also der noch nicht so ganz, aber er war ganz dicht dran.“
Wie bei der ersten Nachfrage war Sandros Verunsicherung nach wenigen Sekunden wie weggewischt „aber das kannst Du auch so nicht rechnen“ ereiferte er sich „es geht ja um den ganzen Spirit, die Lebenserkenntnis, deine ganzheitliche Entwicklung und all das Zeug.
Du musst wissen wie ich überhaupt erst draufgekommen bin, ich war auf dem Weg nach Sankt Otto Tupfingen, als meine Karre am Straßenrand verreckt ist. Ich habe den ADAC angerufen aber die ließen auf sich warten. Nach 12 Stunden hielt dann ein Auto neben mir und sie stieg aus. Die Frau war Managerin für von SpritLine international, hatte ein ganzes Team unter sich, mächtig erfolgreich und so und auch echt gutaussehend. Auf jeden Fall wollte die wissen ob sie mir helfen kann und legte dann ihre Hände auf die Motorhaube auf, da floss Energie, ich kann es dir sagen, das war der Hammer und nur 10 Minuten später bog endlich der ADAC um die Ecke. Das kann ja wohl kaum ein Zufall gewesen sein? Auf jeden Fall gab sie mir ihre Visitenkarte und ich habe noch am selben Abend angefangen die Zellaktiv-Zylindernahrung in mein Auto zu schütten.
Ich kann dir sagen inzwischen ist die Karre so geil, ich fahre gar nicht mehr damit so cool ist die geworden. Lasse sie nur noch in der Garage stehen, sonst werden alle neidisch, wenn ich damit rauskommen würde. Also die glänzt dann in der Sonne das dir die Augen tränen. Auf jeden Fall, das ist der Beweis! Das Zeug funktioniert. Ich selber habe mich am nächsten Wochenende sofort als Wellness Berater ausbilden lassen und ich bin auch der Beweis, dass das mit dem passiven Einkommen funktioniert, ich stehe jetzt einfach so hier und rede mit dir über den ganzen Kram und du musst warten bis dein Lurch beim Mechaniker fertig ist wie ein Sklave.“
„Und dein Auto verbraucht jetzt weniger Sprit? Wieviel weniger“ fragte Peter
„So genau kann man das jetzt nicht sagen“ druckste Sandro herum „die ganzen Tankanzeigen sind ja manipuliert von der Tankstellenelite. Es fährt ja auch schneller, aber die Geschwindigkeitsanzeigen sind ja auch manipuliert. Außerdem habe ich ja gesagt das ich es inzwischen nicht mehr fahre, weil es zu geil geworden ist“
Peter nahm einen Schluck von seinem Kaffee, er war inzwischen kalt, schmeckte ein wenig nach Diesel und Wahnsinn. Er schaute auf die Uhr und stellte zu seiner Erleichterung fest das es Zeit war seinen Fichtenlurch abzuholen. Er wandte sich um zu gehen.
„Weißt du ich muss los, mein Fichtenlurch ist eigentlich auch ganz ok, noch besser muss er nicht werden“
„Warte“ rief Sandro „willst du es nicht wenigstens ausprobieren, ich gebe dir ein paar Beutel ab von meinem, aber du musst es genauso machen wie ich es dir sage, wenn was schief geht liegt das dran das du es nicht richtig gemacht hast“
Da war der Doktor allerdings schon auf der Straße.
„Kannst du wenigstens meinen Kaffee zahlen“ rief ihm Sandro noch hinterher, aber von Schneekoppe rannte so schnell er konnte über die Straße.
Abends lag Dr.van Schneekoppe auf der Motorhaube des Fichtenlurch, eines dieser Almmädels im Arm neben ihm, vermutlich Antje Milchrahm. War nicht so wichtig, sie war nur eine Nebenrolle.
Vor ihm liebkosten die letzten goldenen Sonnenstrahlen die Bergwiese.
Es war ein Abend von geradezu ekelerregender Schönheit, wie er typisch für sein Leben war, ohne das er zu sagen wusste wieso.
Ihm fiel wieder mal auf das er eigentlich ganz zufrieden mit allem war.
Vor ihm humpelte motzend eine Kuh mit einem Gipsbein im Abendrot, ihr irritiertes Kalb blökend im Schlepptau.
Es war ein schönes Leben auf der Alm.
