Samstag, 10. Mai 2025

Stiernackenkomando live in Solms

Es war in diesem Jahr eigentlich schon viel zu früh, viel zu warm. 
Wetter war in Deutschland ja sowieso immer so eine heikle Sache, fragte man nur genug Leute, kam man zu der Überzeugung es sei eigentlich nie gut, egal wie es war. 
Ein früher Sommereinbruch allerdings, das erwärmte scheinbar vielerlei Gemüter und reizte zu lustigen Freizeitaktivitäten. 
Seit jenen fernen Tagen, in denen man spontan mit der Halbkette und dem MG42 die östlichen Nachbarn besuchen ging, war nun ausreichend Zeit vergangen, so das ein Grossteil der Bevölkerung sich friedvollere Hobbys gesucht hatte. Es war einer jener lauen Sommernächte, in denen man, wenn man genau hinhörte, alle 5 Minuten einen übermütigen Motorradfahrer an den Grenzbäumen der nahe-gelegenen Landstraße zerschellen hörte. In denen die überraschten Rufe, braver Familienväter durch den Ort schallten, die versuchte hatten mit 2 Liter hoch-oktanigem Kraftstoff etwas Stimmung auf dem Grillfeuer zu machen. 

Richard erwachte von einem unbestimmten Fluchen, das von der Straße vor ihrem Schlafzimmer zu kommen schien, eine im Prinzip unbedeutende Nebenstraße, zumindest zu nachtschlafender Zeit in der niemand die angrenzende Kirche besuchen wollte. 
Schon alleine die Gotteslästerliche Qualität der Beschimpfungen hätten in Richard nie den Verdacht erweckt es würde sich um verwirrte Ministranten handeln die da so laut waren. 
„Hast du die dreckige Bitch gesehen? Die will mich wohl verarschen die Scheiss Hure“ hallte es durch die nächtliche Ortschaft. 
Richard sah verschlafen aus dem Fenster und erblickte zwei Gestalten die vor dem Zigarettenautomaten standen, der am Zaun des Nachbarhauses befestigt war. 
Hastig streifte er sich eine dünne Jacke über und trat vor die Tür seines Hauses um das Geschehen aus dem näheren Umfeld verfolgen zu können. 
Ohne jeden Zweifel müsste es sich bei den beiden Personen um Gäste der nahe gelegenen Kneipe handeln, die dort wohl größere Mengen Alkohol konsumiert hatten. 
Nun standen sie, offensichtlich verwirrt, in einem verzweifelten Versuch dem blechernen Tabakspender ein paar Saargnägel zu entreißen. Der kleinerer der beiden Gestalten war gerade damit beschäftigt einen Geldschein auf der Motorhaube ihres parkenden Autos, mit seinem Handy glatt zu bügeln, während der andere dem seelenlosen Tabakspender mit Fäusten drohte.

Richard trat in den Schatten eines Ahorns, der in seinem Vorgarten stand, von hier aus könnte er das Geschehen besser verfolgen, ohne das die beiden Gestalten ihn sehen würden. 
Ursprünglich wollte er ihnen noch seine Hilfe anbieten, aber sie machten ganz den Eindruck Vertreter einer Spezies zu sein, die von Evolution zwar schon gehört hatten, ihr aber noch nicht weiter gefolgt waren als bis zu einem Stand, auf dem sie sich nicht mehr gegenseitig mit ihren Exkrementen bewarfen. Beide waren grobschlächtige Muskelpakete, dem äußeren Anschein nach ausreichend gestählt für gelegentliche Klettertouren über die Gipfel archaischer Urwälder und nur deshalb nicht mehr bei den Affen, weil sie diesen wohl zu blöd waren. 
Nun hatten sich diese beiden, bei King Lui in Ungenade gefallenen Primaten zu einer bescheidenen Existenz in der hessischen Provinz entschieden. Statt Kokosnusswasser gab es hier Gerstensaft und Apfelwein, statt Bananen Handkäse mit Musik und statt fangen spielen mit der lustigen Horde über den Dächern der Affenstadt, gab es hier um die Wette saufen, mit den Sprossen der heimischen Troglodyten. 

„Ey was willst du tun Missgeburt?“ riss ein Aufschrei Richard aus seinen Überlegungen. 
Die zwei hatten vergessen ihr Alter zu verifizieren, indem sie ein zulässiges Ausweisdokument in den Automaten gaben, Richard könnte die entsprechende Meldung im Display auch über die Straße sehen. Anders als in Richards Jugend waren die modernen Zigarettenautomaten besser gesichert als die Grenzen Nordkoreas. Sehr zum Leidwesen der beiden berauschten Zecher. 
Nach einem erneuten, erfolglosen Versuch dem stählernen Gesellen etwas Rauchzeug abzugewinnen lag der größere der beiden erschöpft auf dem Asphalt, weinend auf dem Geldschein herum hämmernd, den er immer noch auf ein, dem Automaten genehmes Format, zu bringen versuchte. „Ich fick deinen Mudder“ schrie der kleinere in höchster Erregung.

„Alter, ich ficke die Mütter von den Rapper. In den Gettos, Kassier dann Harz4, doch fahre nur noch Lambos!“ Schall es da aus einem der Nachbarshäuser, zwei ca. 13 jährige feierten ausgelassen im geöffneten Fenster ihres Zimmers. 
„Mit dem Basey Bitch, gibts blaue Augen wie Pfauenfedern, wer will Beef Hoe, ich seh kaum Gegener“ ergänzten die beiden Heranwachsenden verzückt ihre Einlage. 
Richard kniff sich kurz und schmerzhaft, unsicher ob er das ganze nicht träumte. Aus den Augenwinkeln sah er das einer der Teenager euphorisch in sein IPhone schrie „Kommt her, kommt alle her, es sind Kollegah und Farid Bang, sie spielen live in unserer Hofeinfahrt!“ 
„Richtig“ resümierte Richard: Kollegah und Farid Bang, er hatte in den Nachrichten von diesen beiden gehört. Die Medien warfen ihnen in diesem Jahr vor antisemitische Texte zu publizieren, was den Politik intresierten Richard seinerzeit veranlasst hatte sich das ein oder andere Lied der beiden auf YouTube an zu hören. Tatsächlich könnte er in den Texten manch Denkanstoß erahnen, ausgehen selbstverständlich, vom Intellektuellen Niveau einer Schüssel Hafergrütze. Homophob, Frauen verachtend, primitiv und erbärmlich, allerdings, trotz einiger zusammenhangloser Andeutungen auf KZ Insassen die wohl eher dem völlig grenzdebielen Hirn des Verfassers als seiner Gesinnung geschuldet war, waren sie nicht antisemitisch. 
Richard wollte der Jugend nun keinerlei Vorwurf machen, für eine Liebe zu anstößiger Musik. Als er selbst jung war, waren äußerst düstere Metallklänge in Mode, die sich in so weit vom Gagnsterrap unterschieden, das sie nicht den Hass auf bestimmte Randgruppen propagierten sondern auf die Menschen allgemein. Mittlerweile waren auf der nächtlichen Straße einige Dutzend Jugendliche zusammen gekommen,Kinder von denen Richard bis dahin gar nicht wusste das sie in diesem Hinterwäldlerkaff beheimatet waren. Die Xbox und IPad Generation war allgemein eine unsichtbare, keine Spielplätze oder Waldstücke wurden von ihnen bevölkert, 
sie verbrannte sich nur am UV Licht ihrer Bildschirme. 

Die beiden berauschten Primaten merkten von dem Trubel um ihre Person derweil nichts. 
Der Kleinere von ihnen hatte damit begonnen Pflastersteine auszureißen und sie vage in Richtung des Automaten zu werfen, gefolgt von blasphemischen Verwünschungen. 
Nachdem er bereits zwei Nachbarhäuser und drei oder vier parkende Autos touschiert hatte, rief der größere ihm zu das man doch eine Flex im Auto habe. 
Nur kurz darauf drosch der Kleinere fluchend mit dem Werkzeug auf den Automaten ein. 

„Irre was für eine Performance Hoe, was für ne Bühnenpräsenz“ jubelten die Nachbarskinder. 
Ein paar der Anwesenden Teens begannen einen eigentümlichen Tanz auf zu führen  
„Yea die Jungs gehen ab wie ein Henna Tatoo, Ratatata hier gibts Schüsse von der Crew“ gröhlte das anwesende Jungvolk. 

Georgio, der geschäftstüchtige Italiener aus der Nebenstraße hatte seinen fahrbaren Eisstand in Stellung gebracht, irgendeiner der Nachbarskinder tauchte die Straße mit einem Stroboskop und einem Laser in surreales Licht. 
„Fickt euch evrywhere wir brennen alles nieder, dein Geld , Fame ,Benz war alles nie da“ sang die unreife Partycrew in die Nacht. 
Der Duft gebratener Würste drang in Richards Nase, der örtliche Metzger war mit dem Bauchladen unterwegs , ein Creppstand wurde soeben aufgebaut. Irgendwo hatte jemand ein paar Mülltonnne angezündet, auf der Hauptstraße hielt ein Bus mit quietschenden Reifen der Jugendliche aus dem nahen Wetzlar gebracht hatte. 
„Ich traf die Bitch auf ner Gala, kein Atemzug bis mein Dick in ihrem Arsch war“ rappten diese schon von weitem. 
Kurt der Dorfpolizist trat zu Richard in den Schatten und beobachtete die Szenerie mit ihm eine Weile. „Willst du da nicht allmählich einschreiten?“ erfragte Richard. 
Kurt machte nur eine wegwerfende Handbewegung „Woher den, das lohnt den ganzen Aufwand nicht, so was erledigt sich von selbst“ antwortete er. Die spontane Party eskalierte nur 5 Minuten später. 
Einer der Anwesenden hatte sie auf Facebook geteilt und nun wurde das verträumte Dorf von einem nicht abreißenden Strom Minderjähriger Rap Fans überrollt. 
„Ich Snack die Vollblutschlampe, ich schieb sie bis zur Rollstuhlrampe“ tönte es im ganzen Dorf. Zweifelnd sah Richard Kurt an, aber der lachte nur kurz „beim letzten Sommerfest der Volksmusik in der Dorfkneipe war es schlimmer Richard, lass die mal machen, erledigt sich, glaub mir“ 

Alarmsirenen hallten durch die Nacht, im Dorf war eine Häuserzeile in Flammen aufgegangen, marodierende Horden verheerten den lokalen Einzelhandel auf der Suche nach Alkohol und Chips. 
Die beiden Auslöser des Troubels hatten derweilen ihre Mission vergessen. 
Dem Kleineren bluteten die Fäuste , nach der dritten Runde Schattenboxen mit dem Zigarettenknecht. Deprimiert bestiegen sie ihr Gefährt und verließen mit durchdrehenden Reifen den Ort des Geschehens. 
Kurt sah Richard triumphierend an „und Richard“ erfragte er „hab ich’s nicht gesagt?“ 
Richard schüttelte den Kopf, er wusste nicht was ihn fassungsloser machen sollte, das zwei Vollpfosten wie Kollegah und Farid Bang ernst genug genommen wurden, das sie trotz klar schwachsinniger Texte in aller Munde waren oder das die Jugend sie noch nicht mal von zwei besoffenen Affen unterscheiden konnte. 3 Minuten später hörte man einen lautes Scheppern aus dem Dorf, von der Kreuzung der Hauptstraße. 
„Ich kann es nicht glauben“ hörte man es durch den ganzen Ort schreien „hast du diese Amplenutte gesehen? Wie die versucht hat mich zu ficken?“ 
„Ich fick alles weg ihr lebt in Furcht, es ist wie ein Cockring, ich zieh mein Ding durch“ antwortete es aus tausenden Teeneagerkehlen.

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